In der Vorweihnachtswoche war die bekannte Bad Kissinger Märchenerzählerin Heidi Andriessens in den 5. Klassen zu Gast am Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium.

Nach einer zweijährigen Pause fand in diesem Schuljahr die Märchenerzählerin und inzwischen auch mit der Verdienstmedaille ausgezeichnete Pädagogin den Weg wieder ins Schönborn-Gymnasium Münnerstadt.

Ihre diesjährigen Geschichten standen unter dem Motto „Als das Wünschen noch geholfen hat“ und bereiteten den jungen Zuhörern lehrreiche Unterhaltung.

Etwas aus der Zeit gefallen wirkt es schon, wenn Frau Andriessens den in einem Jute-Beutel mitgeführten Kassettenrekorder bemüht, um ihre Erzählstücke mit leiser Musik zu untermalen. Aber damit ist ihr Gesamtkonzept natürlich wieder stimmig, denn die Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, liegen ja auch einige Zeit zurück  vermutlich noch weiter als das Magnetband!

Bevor die Märchenerzählerin mit Geschichten aus alten Tagen aufwartet, führt sie ihr junges Publikum erst einmal etwas in die Materie ein, indem sie einen Überblick über die verschiedenen deutschen Märchensammler und auch die Kunstmärchenautoren, gibt  denn da gab es viele mehr als nur Jakob und Wilhelm Grimm, wenngleich diese natürlich die bekanntesten und vielleicht auch die wichtigsten waren. Ludwig Bechstein, der aus Weimar stammt und 1860 in Meiningen gestorben ist, hat es als „Lokalmatador“ Frau Andriessens besonders angetan und so erzählt sie „endlich“ das, wofür die Kinder hergekommen sind  Märchen aus alten Tagen.

Eine der drei recht unterhaltsamen Geschichten, die die Ex-Lehrerin erzählt, ist Bechsteins „Der Hasenhüter“. In ihr geht es darum, dass einem armen Schäferburschen die Königstochter versprochen wird, wenn es ihm gelänge, drei  eigentlich unlösbare  Aufgaben zu lösen. Der gewitzte Jüngling vermag aber nicht nur, 100 Hasen zu hüten, einen Berg voll Hülsenfrüchte zu trennen und sich durch einen Dachboden voller Brot zu essen, sondern ist dabei auch clever genug, zu erahnen, dass man ihn übervorteilen würde. Und als weder der König noch seine Tochter gewillt sind, ihr Versprechen einzulösen, vermag der Knabe vom Lande die „Leichen“, die er in seinem sprichwörtlichen Keller von König und Prinzessin gesammelt hat, für seine Zwecke zu nutzen. Denn weder möchte die Prinzessin, dass ihr „Schäferstündchen“ publik wird, noch kann dem König daran gelegen sein, dass seine Untertanen jemals erfahren, dass er einem Esel den Allerwertesten geküsst hat. Und so bekommt der Schäferbursche am Ende doch noch den verdienten Lohn und damit die Geschichte nicht nur für eine Partei einen guten Ausgang nimmt, wird auch die Prinzessin nach einiger Eingewöhnungszeit mit ihrem Gatten glücklich.

Wenn Frau Andriessens Märchen erzählt, dann erzählt sie nicht einfach Märchen. Sie entführt ihre großen und kleinen Zuhörer in die Zeit ihres Handlungsrahmens: Da werden Elektrizität, Autos und Mobiltelefone für eine Stunde so gründlich aus der Vorstellung verbannt, dass eine wohltuende Entschleunigung spürbar wird  etwas, das vor allem in der hektischen Vorweihnachtszeit gut tut.

OStR Alexander Gensler

Mrchenerzhlerin 12 2018