Die Schüler der 11. Klasse erfahren die Europapolitik in der Flüchtlingskrise am eigenen Leib. Sie simulieren eine EU-Ratssitzung als sogenanntes Planspiel.

Planspiel5Münnerstadt – 8 Uhr am Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium: Nach der ein oder anderen Verspätung sitzen alle Schüler der 11. Jahrgangsstufe in ihren Sozialkundekursen. Das ist eigentlich keine Besonderheit. Doch heute steht ein etwas anderer Unterricht auf dem Stundenplan. Die Jugendlichen bekommen Besuch von drei Referenten der Europäischen Akademie Bayern, je einer für jeden Kurs. Dieser private Verein organisiert Vorträge, Seminare und Studienfahrten zu aktuellen europapolitischen Themen. TTIP, Flüchtlinge und russische Außenpolitik sind für viele langweilig oder toddiskutiert. Deshalb erwartet die Schüler auch kein Theorieunterricht a la Lehrplan.
„Heute seid ihr europäische Außenminister“, begrüßt Ralf Knobloch, ein Referent der Akademie, einen der drei Kurse. Sarah Morcos, eb
enfalls Referentin, kündigt ihren Schülern an: „ Wir sind heute zusammengekommen, weil immer mehr Menschen von außen kommen. Wenn Sie keine Lösung finden, tut es keiner!“ So beginnt das sogenanntes Planspiel „Europa und die Boat-People“: Die 11.-Klässser simulieren den ganzen Tag eine Sitzung des EU-Außenministerrats und diskutieren über die Frage: Wie kann Europa die Flüchtlingskrise bewältigen?

Brüssel in Münnerstadt

Bevor die Debatten richtig losgehen, bedarf es aber ein paar Hintergrundinformationen. Ralf Knobloch beginnt: „Europa ist überall. Ja, auch im Bier!“ Die Schüler werden über europäische Gesetzgebung und die wirtschaftlichen Situation der Mitgliedstaaten informiert. Denn schließlich sollen die Länder realitätsnahe von ihnen vertreten werden. „Ich glaube, ohne Vorwissen kann man das gar nicht diskutieren. Ich war zum Beispiel überrascht, dass ein einziges Land ein Gesetzesvorschlag komplett blockieren kann“, erzählt die Schülerin Josefine Rest. Knoblochs Rezept für die Aufmerksamkeit der Schüler bei der anfangs trockenen Theorie: Kaubonbons, hin und wieder eine kleine Einlage österreichischen Dialekts oder Luxemburgisch und dazu viel Witz. Die 11.-Klässerin Isabell Kiesel kommentiert: „Wir hatten echt Glück so einen Alleinunterhalter zu haben!“

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Dublin-Abkommen und Militäreinsatz

Dann geht‘s richtig los: Die Schüler verteilen sich in Kleingruppen auf zehn Länder. Polen, Schweden, Deutschland, Spanien, Griechenland und Co. stehen exemplarisch für alle 28 Mitgliedstaaten der EU und sollen die unterschiedliche Flüchtlingspolitik in Europa abbilden.
Max Birkelbach, alias Paolo Gentiloni, der italienischer Außenminister, begrüßt die anderen Delegierten: „Es geht um die Integration in Ihren Ländern. Wir wollen Sicherheit und Struktur schaffen, also lasst uns perspektivisch denken!“ Anlass der EU-Außenministerratssitzung in diesem Planspiel sind die Flüchtlingsströme aus Afrika. Italien hofft dabei auf die Mithilfe seiner europäischen Verbündeten und stellt einen Maßnahmenplan vor. Diesen dürfen die italienischen Delegierten selbst ausarbeiten.
Dann ist die Diskussion eröffnet und die Länder beginnen Stellung zu nehmen: „Wir finden den Maßnahmenplan Italiens im Grunde sinnvoll, schließen einen Militäreinsatz aber kategorisch aus.“ Spanien ergänzt: „Wir sollten uns vor allem über eine Änderung des Dublin-Verfahrens Gedanken machen und die Verteilung der Flüchtlinge in Europa regeln.“ Die Schüler verhandeln hitzig über den Aufbau afrikanischer Staaten und über Integration in den ihren Heimatländern. Dabei merken sie, dass diese Maßnahmen viel kosten. Helfen wollen und helfen können sind oft zwei unterschiedliche Paar Stiefel.

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Bitte keine Atomwaffen

Die Referenten der Akademie leiten die EU-Ratssitzung jeweils als Federica Mogherini, hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik. Eingreifen in die Debatten wollen sie so wenig wie möglich. „Aber bitte bleiben Sie mir realistisch und drohen Sie nicht mit Atomwaffen“, sagt Knobloch lachend. Die größte Herausforderung eines Planspiels ist eine freie und dennoch realitätsnahe Debatte. Vor allem den polnischen und britischen Delegierten fällt es merklich schwer ihren konservativen Kurs beizubehalten.

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Warum Europapolitik spielen?

Am Ende fragt Knobloch in die Runde: „ Und wer hat während der Finanzverhandlungen noch an den kleinen, syrischen Jungen gedacht, der im Mittelmeer ertrunken ist?“ Betreten schauen sich die Jugendlichen an. Doch das ist eins der Ziele des Planspiels: Die Teilnehmer sollen sich nicht nur mit der Flüchtlingsthematik beschäftigen, sondern auch die komplexe Europapolitik besser begreifen, verhandeln und Meinungsverschiedenheiten akzeptieren. „Ich glaube zwar nicht, dass wir jetzt den Alltag eines Politikers besser kennengelernt haben, aber das Planspiel lässt uns den Konflikt besser verstehen“, sagt der Schüler Philipp Müller. Und alle sind sich einig: Praktischer Sozialkundeunterricht bleibt einfach besser in Erinnerung.

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Voll begeistert

Dass ein Planspiel mit einer gesamten Jahrgangsstufe durchgeführt wird, ist schon außergewöhnlich“, erklärt der Sozialkundelehrer Dr. Klaus-Hartwig Rube, der selbst schon an einer solchen EU-Simulation teilnahm. Als er seinem Kollegen Daniel Karch davon erzählte, war dieser sofort begeistert und freute sich, dass auch der Direktor Joachim Schwigon ihm „einmal mehr entgegengekommen ist“. Denn dieser stimmte der Idee sofort zu und sagt: „Ich würde mich am liebsten selbst mit in die Kurse setzten und zuschauen, so neugierig bin ich.“ Die Rückmeldung der Schüler ist ebenfalls eindeutig: Viele wünschen sich solche Planspiele im Unterricht oder als freiwilligen Kurs. „Klar haben nicht alle darauf Lust, aber ich finde, es macht Spaß und es ist mal was anderes“, sagt die Schülerin Isabell Kiesel. Max Birkelbach ergänzt: „Ich kenne das von meinem Auslandsjahr in Amerika und finde das eine spannende Sache.“ Auch Direktor Schwigon kündigt an, dass dies nicht das letzte Planspiel am Schönborn Gymnasium gewesen sei.

Jule Albert

Beiträge zu diesem Planspiel sind auch unter infranken.de und bei TV Touring zu finden.